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Summary

Anja Garbarek - Briefly Shaking

Nach dem ersten Hörgenuss bleibt ein ungewohntes aber behagliches Gefühl zurück. Es war dieses: „Wie kann mir eine CD der Musikrichtung, die mir nicht zusagt, so gefallen?“

Künstler: Anja Garbarek
Album: Briefly Shaking
Mitglieder: Anja Garbarek (Gesang), Gisli Kristjansson (Gastmusiker), Jan Garbarek (Gastmusiker und Anjas Vater)
Herkunft: Oslo, Norwegen
Musikrichtung: Singer-/Songwriter mit elektronischen Einflüssen

Jeder Musikredakteur hat sein Fachgebiet. Die sind bei den meisten äußerst breit gefächert, weshalb man richtigerweise eher sagen sollte: jeder Musikredakteur hat wenige Schwachstellen – Musikgenres, mit denen er nichts anfangen kann. Bei mir ist das definitiv das Singer-/Songwritermetier. Eine Person, die leidend auf einer viel zu großen Bühne – einzig mit einem einsamen Barhocker als Kumpanen – verloren wirkt und mittels drei Akkorden auf der Gitarre über das Leid der Welt und natürlich ihre Seelenschmerzen erzählt. Fortgeschrittene Exemplare flechten noch ab und zu ein verwaistes Mundharmonikasolo ein. Ich gebe es zu: mir ist diese Musikrichtung häufig einfach zu ruhig.
Wie also komme gerade ich zu einer Rezension einer CD, die ja geradezu perfekt in diese Kerbe schlägt? An der Auswahl guter Platten für diese Woche hat es wahrlich nicht gemangelt und Personalsorgen auf Grund der Semesterferien zählen keineswegs!

Die Antwort ist simpel: „Briefly Shaken“ von Anja Garbarek ist einfach ein wunderschönes Album. Und nach der Offenbarung meiner musikalischen Schwächen hat das eine Menge zu bedeuten! Trotz anderer Kandidaten habe ich die für mich persönlich schwerste Platte herausgesucht. Das Problem ist einfach: wie soll ich euch etwas beschreiben, womit ich mich selbst kaum auskenne? Indem ich versuche euch zu vermitteln, warum mich diese Platte so gefangen hat.

Nach dem ersten Hörgenuss bleibt ein ungewohntes aber behagliches Gefühl zurück. Es war dieses: „Wie kann mir eine CD der Musikrichtung, die mir nicht zusagt, so gefallen?“ Beeindruckend ist Anjas Stimme. So klar und warm – ohne viel Schnörkel und Kapriolen. Auch die instrumentale Begleitung fällt ungewöhnlich aus: elektronische Elemente, teilweise sogar als Störgeräusche à la Enik getarnt; eine Drummachine, die einen „an die Hand nimmt und durch die Songs leitet“, so die Künstlerin selbst. „Wenn man die Grooves wegnimmt, geht da immer noch jede Menge seltsames Zeug ab!“ Zum Beispiel elektrische Gitarren und Saxophone – an der instrumentalen Umsetzung arbeitete übrigens Anjas Vater mit, Jan Garbarek, einem anerkannten und großartigen Komponisten und Saxophonisten in der europäischen Jazzszene.

Anja liegt nun auf dem Haufen CDs, die das Zeug zur „CD der Woche“ haben. Es folgt der zweite Höreindruck. Die Lieder erscheinen nun schon bekannter. Die Möglichkeit, auf Details zu achten, tritt in den Vordergrund. Der Pressetext weißt auf die Songtexte hin. Recht abgefahren und entstanden mit kuriosem Hintergrund: einige basieren auf Krimi- und Horrorschmökern, die Anja während der Produktionszeit gelesen hat. Ich tue mich etwas schwer – nicht mit dem Englischen, aber poetische Texte waren noch nie meine Stärke. Abhilfe schafft hier Garbareks Homepage, die jede einzelne Zeile preisgibt. „Ich nehme gern düstere Texte in Verbindung mit beruhigenden Melodien, kombiniere das Zuckersüße mit dem Makabren. Vielleicht hätte ich mein neues Album ‚Die Schöne und das Biest’ nennen sollen.“ Ja, die Anja aus Norwegen wird mir immer sympathischer.

Ein drittes Mal betätige ich die Play-Taste; springe diesmal mittels Skip-Tasten schon etwas im Album herum. Meine Favoriten kristallisieren sich langsam heraus. Die Stimmung dieses Albums ist fesselnd. Und noch immer kann ich nicht ausmachen, woran es nun liegt. Trotzdem wage ich erste Versuche der Vergleiche. Björk kommt mir in den Sinn – aber nicht so experimentell; vielleicht Tori Amos – nur ohne Klavier; Lamb, Portishead, Moloko, Massive Attack? – nicht ganz so elektronisch. Stina Nordenstam schreibt die Vogue in Paris...von der kenne ich aber nur zwei Songs; etwas wenig zum Vergleichen. Anja Garbarek klingt eben nicht so sehr nach TripHop wie alle zuvor aufgezählten, sondern unbestreitbar Singer-/Songwriter.

Inzwischen habe ich „Briefly Shaking“ nun schon an die 15 Mal gehört und bin immer noch fasziniert! Und endlich konnte ich auch die Stimmung einfangen – ein Versuch sie zu postulieren: stellt euch einen Märchenwald vor mit jeder Menge Tiere, Zwerge, Feen und auch der ein oder anderen Hexe (irgendetwas muss ja für die Störgeräusche verantwortlich sein!). Das gesamte Album entspricht einem Märchen, durch welches man, an der Hand genommen, mithüpft. Die gefährliche Begegnung mit dem Wolf im verwunschenen Zauberwald krackst und knarrt im Ohr, um wenig später vom Befreiungszauber des weißen Magiers und seinen herzensfreundlichen Melodien abgelöst zu werden. Wollte Garbarek das Album nicht sowieso alternativ „Die Schöne und das Biest“ nennen? Und wenn sie nicht gestorben ist (und das ist sie definitiv nicht), dann singt die Anja noch heute...

Fazit:

Für alle Märchenliebhaber und Träumer oder musikalisch ausgedrückt: Alle TripHop-Fans, Singer-/Songwriterliebenden, Norwegenbegeisterte und alle anderen. Ein so dichtes und in sich geschlossenes Album kommt nicht alle Tage auf den Markt. Ab in die Welt der Gebrüder Grimm.

Anspieltipps:

  • Dizzy With Wonder
  • The Last Trick
  • My Fellow Riders
  • Can I Keep Him?
  • This Momentous Day

Immer noch über sich selbst wundernd: Sebastian Schlegel
 

Hier geht’s zu Hänsels Schwester -> Anja zum anhören (der etwas längere Beitrag)

Wunderschön animierte Märchenwelt -> Anjas Homepage mit Videos, Songs, Texten

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