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Summary

Harry Parker: Anatomie eines Soldaten

„Anatomie eines Soldaten“ ist ein außergewöhnliches Buch, nicht allein, weil es sich alles in allem um einen zeitlosen Antikriegsroman handelt, sondern vor allem auch wegen der Erzählperspektive: Bei Harry Parker gibt es keinen allwissenden Erzähler, und auch keine Einzelpersonen, die ihre Sicht der Dinge wiedergeben – sondern die Dinge sind es, die Gegenstände des Krieges wie des Alltags, die die Geschichte erzählen.

45 Kapitel, 45 Gegenstände, die ihre jeweilige Sicht auf die Geschehnisse wiedergeben.
Das ist ein Wüstenkampfstiefel beim Training für den Einsatz. Es ist die Handtasche der Mutter des Soldaten, die anwesend ist, als schlimme Nachrichten überbracht werden. Es ist ein Nachtsichtgerät, das Feinden nachspürt; ein Sack Dünger, der dabei ist, wie Freunde sich entfremden; eine Knochensäge, die den Überlebenden um sein verbliebenes Bein bringt.

Durch die vielen Erzähler fühlt sich der Roman nicht wie ein Roman an, und doch ist er es: Jedes Kapitel, jeder Gegenstand, fügt sich wie ein Puzzleteil in das Bild, das hier gezeichnet wird: Vom Krieg, vom Menschen, von Grausamkeit, Heldenmut und Verlust. Jeder Mensch, der auch nur mittelbar mit dem Krieg in Berührung kommt, wird von diesem gezeichnet.

Der Roman ist oft bedrückend, er ist erschütternd und stellenweise geradezu verstörend. Die Ich-Perspektive der Gegenstände behält dabei eine kühle Distanz, die es dem Leser möglich macht, die beschriebenen Ereignisse doch zu ertragen.
Die zeitlichen Sprünge, das Nichtlineare der Kapitel, bilden das Bild eines Moments ab, der alle Momente davor und danach zu diesem Augenblick zusammenfließen – und zugleich zersplittern lässt.
Das Buch kann linear gelesen werden, oder nach dem Zufallsprinzip – am Ende ist das Bild das gleiche, ebenso wie die Wirkung.

Der Autor, Harry Parker, wurde selbst in Afghanistan verwundet. Wie sein Protagonist verlor er ein Bein durch eine Sprengfalle, das zweite in der Folge durch eine Infektion.

Dieses Buch ist sein erstes und es ist durch und durch beeindruckend.
Schmerz und Leid werden hier zu Kunst – zu Kunst, die direkt und intensiv den Leser berührt und einen tiefen Eindruck hinterlässt von dem, was Menschen einander antun. Von dem, was Krieg bedeutet. Aus Hoffnungslosigkeit und Entmenschlichung schafft Parker dabei Menschlichkeit und Hoffnung, ohne aber pathetisch zu werden – denn das entspräche nicht der nüchternen Realität der Dinge. Die Sprengfalle wird gebaut und am Ende tut sie nichts als das, wofür sie gedacht war: Sie funktioniert. Ebenso die Turnschuhe des Jungen Latif, der die Bombe vergraben hilft. Und der Beatmungsschlach, der den Soldaten am Leben hält, bis er in der Heimat operiert werden kann.

Harry Parkers „Anatomie eines Soldaten“ ist ein intensives Buch, ein Antikriegsbuch, das in seiner Wirkung Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ verwandt ist.

Harry Parkers „Anatomie eines Soldaten“ erschien am 9. November 2016 im Verlag Benevento.

Audio-Beitrag

Unglaublich tolle Neuheit! Ein multilinguales Meisterwerk der Spitzenklasse. Jedem Krimi-Fan zu empfehlen, besonders für den Nachtisch. Hier unsere Rezension dazu mit Inhaltsangabe und meiner eigenen Meinung.

„[…] etwas, das es nicht gibt, wie etwas klingen zu lassen, das Bildern den Anschein von Wirklichkeit verleiht.“ (S. 79)

Das ist wohl die Quintessenz des Geräuschemachens, und es war der Lebensinhalt von Lambert, den wir in „Der Charme der langen Wege“ von Hanno Millesi ein Stück begleiten dürfen.

Kennt ihr das? Ihr erlebt etwas Schlimmes, und das prägt euer Handeln für den Rest eures Lebens?

Bei Paula ist es ein Ereignis, das mit Unpünktlichkeit zu tun hat. Als sie ein Kind ist, verpasst sie einen Zeitpunkt, und nach allem, was danach geschieht, ist sie nie wieder unpünktlich. Welches Ereignis das ist, stellt sich im Laufe des Romans heraus.

Die meisten Menschen kennen es: das schlechte Gewissen, das im Hinterkopf lauert und jede Entspannung zunichtemacht. Manchmal kann man es ignorieren, beiseiteschieben, aber oft genug kriecht es zurück und ist einfach nicht totzukriegen. Warum eigentlich?

„Ich bin kein Virologe, aber Viren haben in meinem Leben immer eine Rolle gespielt.“